Der Zwolt verteilt Befehle

Ein Zwolt ging gern auf dem Schreibtisch, an dem das Familien-oberhaupt immer arbeitete, spazieren. Der Schreibtisch war aus dunklem Holz, mit dicken starken Beinen und einer Vielfalt von Schubladen und Schublädchen. Wenn der menschliche Familienvater gerade nicht zu Hause war, kletterte der Zwolt nach oben (die Tischbeine waren schön geschnitzt und sehr bequem zum Klettern) und fing an, alles auf dem Schreibtisch zu untersuchen.

Er mochte auf den vielen Zeitungen sitzen, besonders aber auf der Financial Times. Die Farbe dieser Zeitung war gelb und sehr viele Zahlen waren drauf. Diese Zahlen wirkten hypnotisch auf den Zwolt.

Unser Zwolt griff einen der vielen Bleistifte (den leichteren) und versuchte sorgfältig, seine Unterschrift auf ein sauberes Blatt Papier oder eine Zeitungsseite zu setzen. Schreiben konnte der Zwolt eigentlich nicht, aber er malte gern und stellte sich vor, dass er etwas unterschreibt. Wenn der menschliche Familienvater Spuren seiner Malerei auf dem Schreibtisch fand, dachte er, dass all das von seinen eigenen Kindern stammt. Er liebte Kinder und war deswegen nie böse.

In einer Zimmerecke stand eine hohe, alte und wunderschöne Uhr mit einem langen Pendel. Das Pendel schwang langsam von rechts nach links und die alte Uhr spielte regelmäßig still aber stolz ihre Musik.

Wenn der eigentliche Zimmerbewohner an seinem Tisch arbeitete, setzte sich der Zwolt auf das Pendel, schaute ihn an und versuchte zu verstehen, wozu man so viele Papiere braucht, warum man so nervös sein muss, ständig telefoniert, manchmal tierisch laut in den Hörer schreit und am Ende des Tages die Hände reibt und zu sich selbst sagt: „Gut habe ich heute gearbeitet!“.

Obwohl der Zwolt all diese Gewohnheiten für dumm hielt, gern machte er manchmal einige menschliche Handlungen nach. Der Schreibtisch mit allen seinen Zugehörigkeiten – Dokumenten, bunten Prospekten, Papierklammern, schweren Glanzbüchern – riefen bei dem Zwolt das Gefühl auf, als ob er auch zu diesem aufregenden menschlichen Geschäftsleben gehöre.

Manchmal zog der Zwolt seine kleinen Augenbrauen zusammen und blätterte sehr schnell im Tischkalender – eine Seite nach der anderen, ein Blatt nach dem anderen. Auf einigen Kalenderseiten zeichnete er schnell erzürnt Haken und Ausrufezeichen. So stellte er sich vor, wie er seine großen Taten planen könnte. Danach sprang er kurz auf einem Taschenrechner von der einen Taste auf die andere und schaute auf die unterschiedlichen Ziffern. Wenn es ihm gelungen war, eine besonders lange Zahl auf dem Display zu schreiben, freute sich der Zwolt und lachte laut.

Manchmal legte der Zwolt seine Pfötchen hinter seinen Rücken und ging rasch hin und her über den Tisch (dabei sah er ziemlich komisch aus) – so stellte er seine geschäftliche Nachdenklichkeit dar. Er sprach auch mit sich in Gedanken – „So-so-so!!“ – war es nur zu hören.

Ja, wir haben völlig vergessen zu erwähnen, dass der Zwolt, wenn er sich kurz entspannen wollte, sich in die alte vererbte Rauchpfeife des Familienoberhaupts setzte, die gewöhnlich neben der Tischlampe lag. Die Beinchen des Zwoltes waren dabei draußen, weil er für die Pfeife doch zu groß war. Sein ganzer Körper aber befand sich komplett im Inneren der Pfeife und er saß wie in einem großen und bequemen Sessel. Die Ärmchen legte er auf den Bauch und sah wie ein alter Opa aus, der schon vor vielen, vielen Jahren sehr reich geworden war und nichts mehr zu tun brauchte. 

Einmal unterhielt sich der Zwolt so auf dem Schreibtisch. Plötzlich klingelte das Telefon. Das Klingeln war so hartnäckig, dass es unmöglich war, es zu ignorieren. Der Zwolt schaute schief und unzufrieden auf das klingelnde Telefon, aber das Klingeln hörte nicht auf. Der Zwolt war bald mit den Nerven am Ende, zog an der Telefonschnur und der Hörer fiel auf den Tisch (der kluge Zwolt wusste doch - wenn der Hörer nicht auf dem Apparat liegt, kann das lästige Telefon nicht mehr klingeln).

Der Telefonhörer lag eine Sekunde lang still, dann schrie er mit einer lauten, aufgeregten menschlichen Stimme:

– “Michael, ich bin`s! Es gibt ein Gerücht, dass mehrere Aktienkurse heute nach oben gehen und bald viel teurer werden! Ich denke, es ist höchste Zeit zu kaufen! Was meinst Du, kaufen wir die, die du ausgewählt hast, oder lieber die, die uns der Berater genannt hat?“

Der Zwolt erschrak – er hat verstanden, dass er sich nicht in seine Angelegenheiten eingemischt hat. Die Stimme aus dem Hörer hörte nicht auf, aufgeregt zu sprechen. Der Zwolt hörte auf seine Intuition und war sicher, dass in dem Moment etwas Wichtiges geschieht.

Vor Schreck verschlug es dem Zwolt den Atem und er verschluckte sich und musste husten. Der Hörer antwortete gleich darauf:

– „Du bist schlecht zu verstehen, Michael, was hast Du gerade gesagt – es ist so laut hier! Es steht hier alles auf dem Kopf!“.

Der Zwolt wunderte sich, er hustete verwirrt aber fleißig noch einmal – diesmal war sein Husten tiefer. Er hielt sich jetzt für wichtig.

– „Ich freue mich, dass du dir so sicher bist, Michael. Dann kaufen wir die Aktien, die du empfohlen hast. Ich nehme dafür das ganze Geld, das ich jetzt auftreiben kann!“

Der Zwolt freute sich, weil er spürte, dass er an einem Jahrhundertgeschäft teilnimmt und hustete noch einmal laut und deutlich. Als Antwort hörte er:

– „Ja-ja, Michael, mach dir keine Sorgen! Ich habe alle Details kontrolliert! Es scheint so, als könnten wir heute wirklich viel gewinnen! Wenn alles vorbei ist, rufe ich Dich noch mal an!“

Der Zwolt wusste schon zu handeln und wollte seine Würde nicht verlieren. In dem Moment hustete er besonders ausdrucksvoll – in seinem Kunsthusten waren die Töne eines entschiedenen Geschäftsmannes, eines Befehlsgebers und eines ernst und vorsichtig handelnden Menschen.

Der Teilnehmer hatte aufgelegt – nur Kurzzeichen waren zu hören. Der Zwolt wollte keine Spuren seiner ungeplanten Selbstständigkeit hinterlassen und zog mit titanischen Bemühungen den Hörer wieder auf das Telefon. 

Dann untersuchte er kurz die Briefmarken auf zahlreichen überall herumliegenden Postumschlägen – dafür nahm er eine winzige Lupe in die Hand. Als er auch bei dieser Beschäftigung anfing sich zu langweilen, begann er mit einer Papierklammer (als ob sie ein Ball wäre) Fußball zu spielen. Als Tor diente dabei eine Brille.

Plötzlich wurde der Zwolt wieder ganz ernst. Das lag daran, dass er auf dem Tisch viele Münzen entdeckte – von leichten und kleinen Pfennigen bis zu den großen und schweren Fünfmarkstücken. Von Natur aus liebte der Zwolt diese Moneten. Er konnte auch jetzt nicht darauf verzichten, mit diesen zu spielen.

Er stellte jede Münze vorsichtig auf die Seite und schob sie vorsichtig nach vorne. So transportierte er sie alle auf einen Platz und legte sie dort in Form einer Pyramide hin. Die schwersten und größten Münzen lagen unten, die Kleinsten und leichtesten oben. Schließlich setzte er sich selbst auf den Pyramidengipfel und erklärte sich für einen Bankier, der bereit war, Geld auszugeben und jeden zu finanzieren.

Da hörte der Zwolt das nächste Uhrschlagen – „Boom!“ – in der Ecke. Der Zwolt fuhr auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und dehnte sich. Er dachte dabei zufrieden, wie gut er heute gearbeitet, wie viel er geschafft hatte.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon wieder. Der Zwolt bekam jetzt weniger Angst, als beim ersten Mal. Er drückte, als wäre es für ihn selbstverständlich, auf eine Telefontaste nach der anderen und schaltete unerwartet den Lautsprecher ein. Er erkannte dieselbe Stimme, welche er bereits vor wenigen Stunden gehört hat. Die Stimme war noch aufgeregter als vorhin:

– „Michael, gratuliere dir, wir haben wirklich viel gewonnen! Wie wir besprochen haben, kaufte ich alle Aktien, die du damals empfohlen hast. Sie gingen alle, ohne eine einzige Ausnahme nach oben! Kannst du dir das vorstellen? Wir haben wirklich viel gewonnen! Viele Grüße an deine Frau! Nochmals vielen Dank für deine Empfehlungen!“

Der Zwolt freute sich und war sehr stolz auf sich selbst. Noch nie hatte ihn jemand in seinem Leben so gelobt, besonders für seine Ratschläge. Weil unser Zwolt von Geburt an sehr bescheiden war, kletterte er leise von dem Schreibtisch nach unten und wollte seine Bekannten besuchen gehen. Sie wohnten in einem Fernseherkarton, der im Korridor stand.

© 2016 Victor Gulchenko

 

Für die schönen Bilder danken wir unsere Illustratorin Frau Sabine Körfgen!